Gewalt hinter Gittern

Eine Erinnerung an eine deutsche Vergangenheit

Am 11. November 2015 wurde in der Aula des Melanchthon-Gymnasiums im Berli-ner Bezirk Marzahn-Hellersdorf die begehbare Ausstellung „Gewalt hinter Gittern – Gefangenenmisshandlungen in der DDR“ eröffnet. Sie ist ein Projekt der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und zeigt auf sehr realistische und gerade des-halb sehr erschütternde Weise, wie das SED-Regime in der DDR mit oppositionell eingestellten oder einfach auch nur andersdenkenden Menschen umging.

Auf meine Anregung, auch als langjähriges Mitglied der hiesigen Bezirksverordnetenversammlung, wurde diese Ausstellung erstmals in einer Schule gezeigt. Damit wurde diese Ausstellung erstmals in einer Berliner Schule gezeigt. Schulleitung und die Lehrer waren von Anfang an sehr interessiert und kooperativ.


Das verwundert nicht, denn das Melanchthon-Gymnasium und die Gedenkstätte haben bereits vor fünf Jahren eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Die Bitte um finanzielle Unterstützung des Projekts stieß deshalb im Vorstand des Fördervereins auf offene Ohren. Der Bezirksbürgermeister Stefan Komoß übernahm  die Schirmherrschaft, die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, Iris Spranger, Sven Kohlmeier und Liane Ollech (alle SPD) unterstützten das Vorhaben zusätzlich mit einer Spende. Zur feierlichen Eröffnung am 11. November sprachen der Schulleiter Jörg Spieler und der Vorsitzende des Fördervereins, Dr. Jörg Kürschner. Sie be-tonten, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei und die Ausstellung dazu beitragen möge, die Erinnerung an die Gewaltherrschaft wach zu halten.

Die Ausstellung besticht vor allem durch die weitgehende originalgetreue Darstellung politischer Verfolgung in der DDR. Dazu tragen auch die über Audiodateien abhörbaren Zeitzeugenberichte bei, in denen Menschen berichten, wie sie oftmals wegen missliebiger Äußerungen und nicht gewünschter Westkontakte in das Visier der Stasi gerieten. Bis zum 11. Dezember besichtigten viele Schulklassen und andere interessierte Besucher die Ausstellung.

Einen Tag nach der Ausstellungseröffnung fand am Gymnasium der Projekttag „Freiheit erleben, Grenzen erfahren“ statt, mit dem sich Schüler und Lehrer mit dem Thema auseinandersetzten. An einem Workshop nahm der ehemalige kubanische Dissident Jorge Luis Garcia Vázquez teil, der in Havanna aufwuchs und als so genannter Vertragsarbeiter in die DDR kam. „Es gibt einen Sozialismus, in dem man auch konsumieren kann“, war sein erster Eindruck.

Bedenkt man die allgegenwärtige Mangelwirtschaft in der DDR, so kann man sich unschwer vorstellen, unter welch erbärmlichen Bedingungen die Menschen in Kuba  leben mussten und immer noch leben. Gleichzeitig erfuhren Garcia Vàzquez und seine Kollegen sehr schnell, dass sie nur als Arbeitskräfte erwünscht waren, Freundschaften pflegen oder gar noch eine Familie gründen und Kinder zu be-kommen, galt als unerwünscht.

Durch Kontakte zur USA-Botschaft erregte er bald die Aufmerksamkeit der Stasi, wurde schließlich wegen „Republikflucht“ inhaftiert und lernte vor allem die psychi-schen Foltermethoden der Stasi, wie stundenlange Verhöre oder Schlafentzug, kennen. Auch nach seiner Ausweisung nach Kuba saß er zunächst wochenlang in Haft, wurde „auf Bewährung“ entlassen und konnte 1992 schließlich in das nun wiedervereinigte Deutschland ausreisen.

Seine Stasiakte zählt an die rund 400 Seiten, insgesamt waren acht Stasi-IM auf ihn angesetzt, jedes Telefonat unterlag der Kontrolle, ja sogar seine Schwarzfahr-ten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder seine Bestellungen im Restaurant fand er genau dokumentiert vor. „Die Kellner mussten den Stasileuten die Rech-nung zeigen und erklären, was der Gast gegessen hatte“, erklärte der Referent eher schmunzelnd. Nach einem zunächst verhaltenen Abwarten der jungen Leute stellten diese Fragen und zeigten sich besonders beeindruckt von den perfiden Formen psychischer Gewalt, die die Stasi anwandte, um ihre Opfer seelisch zu brechen. Dazu gehörten Schlafentzug genauso wie das ständige An- und Abschal-ten des Lichtes während der Nachtruhe oder undefinierbare Geräusche an der Tür.

Einige der Zuhörer hatten während der Erläuterungen Tränen in den Augen. Die Jugendlichen stellten auch Fragen zum Alltag in der DDR. „Viele der Einheimi-schen waren auf den Zuzug von Fremden, von dunkelhäutigen Kubanern oder von Vietnamesen überhaupt nicht vorbereitet, dazu trug auch bei, dass diese bewusst abgeschottet in speziellen Unterkünften leben mussten“, erläuterte Garcia Vàzquez. Er mahnte trotz der eigenen Erlebnisse, nicht einfach „auf die DDR draufzuhauen“. Viel wichtiger sei es, zu fragen, warum wird man zum Opfer und warum werden welche Menschen zu Tätern. „Wir müssen Probleme ohne Hass, Gewalt und Vorurteile lösen“, sagte er und spannte mit der Frage: „Wie gehen wir mit Flüchtlingen um?“ den Bogen zur gegenwärtigen aktuellen Situation.

Der Inhalt der Ausstellung fand auch Eingang in die Fächer Geschichte und Politik-
Wissenschaft. Die jungen Leute waren sehr interessiert, so dass die Aula jeden Tag frequentiert wurde. Auch aus anderen Schulen schauten Interessenten vorbei. Der Vorstand des Fördervereins dankt dem Schulleiter, Herrn Spieler und den Pä-dagoginnen, Frau Baumann, Frau Gloßmann und Frau Oldenburg, für ihr Engage-ment und den Schülern für ihr Interesse und auch ihre Anteilnahme.

André Gaedecke, Vorstandsmitglied des Fördervereins der Gedenkstätte Hohenschönhausen

(Der Text wurde mit Genehmigung der Broschüre „NACHRICHTENINFO 34“, Nr.3, 2015, Hrsg.: Förderverein Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, entnommen.)

 

 

Meinungen der Schülerinnen und Schüler zur Ausstellung „Gewalt hinter Gittern“

Nach dem Besuch der Ausstellung fühle ich mich besser informiert über das Leben und die Überwachung in der DDR.
F. K.

Ich empfehle die Ausstellung, weil man nicht viel über die Zeit in der DDR weiß. Durch die Materialien wie Interviews, Akten, Texte und Kleidung wird das Thema sehr anschaulich.
R.R.

Aus dieser Ausstellung kann man viel mitnehmen, da es von den ehemaligen Inhaftierten Videos gibt, die über die Haft berichten.
J.G.

Als ich durch die wie Aktenschränke aufgebaute Ausstellung ging, bekam ich ein flaues Gefühl aufgrund der Schlagzeilen bezüglich der Opfer.
L.K.

Es war auf jeden Fall interessant und ich werde mit meinem Opa darüber sprechen.
J.O.

Jede Klasse sollte sich die Ausstellung anschauen, Voraussetzung ist aber, dass man über die Zeit noch mehr erfährt (nicht nur Stasi).
P.E.